Tod im Nachtzug
publiziert: Freitag, 28. Mai 2010 / 11:29 Uhr / aktualisiert: Freitag, 28. Mai 2010 / 12:33 Uhr

Der Zug war auf dem Weg nach Kolkata (Kalkutta), als er mitten in der Nacht von einer Explosion aus den Geleisen gehoben wurde. Menschen wurden aus ihren Betten geschleudert, eingeklemmt, zerquetscht, verletzt und getötet. Der Nachtzug war zur Todesfalle geworden.

2 Meldungen im Zusammenhang
Weiterführende Links zur Meldung:

Wikipedia zu den Naxaliten
Artikel über die indische Widerstandsbewegung der Naxaliten
wikipedia.org

Die bisher 71 Todesopfer sind vermutlich das Opfer eines Anschlags der Naxaliten. Es handelt sich bei den nach einem westbengalischen Dorf benannten Aufständischen um eine Anzahl maoistischer Gruppen, die seit über 40 Jahren aktiv sind und in letzter Zeit immer mehr Zulauf erhalten.

Unterstützt würden die etwa 20000 bewaffneten Naxaliten angeblich von China, das die Rebellen in ihrem Kampf gegen die indische Zentralregierung in New Delhi heimlich mit Waffen versorge. Der Konflikt habe sich in den letzten Monaten zugespitzt, seit die indische Regierung Mitte letzten Jahres eine Offensive gegen die Neo-Kommunisten, die sich als Rächer der Armen sehen, gestartet hat, heisst es zumindest.

Doch ist Indien nicht einer der grossen Gewinner der wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre und auf dem Weg in eine glanzvolle Zukunft? Für viele Inder trifft das durchaus zu. Aber an manchen Regionen ist der glamouröse Aufstieg von «Shining India» spurlos vorbei gegangen, ja, viele Menschen haben gerade wegen des Aufstiegs von Indien das Wenige, dass sie noch hatten, verloren. Land von Eingeborenen wird immer wieder enteignet, um dort Bodenschätze zu gewinnen, die Verzweiflung der Betroffenen treibt sie in die Arme jener, die versprechen, gegen die Regierung zu kämpfen, die dieses Unrecht zulasse, ja fördere.

Das Dilemma für Indien ist gigantisch. Einerseits bietet der Wirtschaftsboom die einzigartige Möglichkeit, das Land in eine bessere Zukunft zu führen, andererseits verursachen die immer grösser werdenden Gefälle zwischen verschiedenen Regionen und Volksgruppen ebenso stark die wachsenden Spannungen.

Auch das zwar offiziell längst abgeschaffte aber in vielen Köpfen immer noch verankerte Kastensystem, die Besitzstruktur mit Grossgrundbesitzern und bei diesen verschuldeten Kleinbauern sowie die Vernachlässigung ganzer Bevölkerungsschichten durch die Regierung tragen weiter zu diesem Konfliktpotential bei. Es sind die klassischen Zutaten, die einen kommunistischen Aufstand wecken und am Lodern halten.

Krasse Niveau-Unterschiede in einer Gesellschaft sind eine Gefahr für diese, vor allem, wenn die herrschenden Kreise alles tun, um diese Differenzen noch zu ihren Gunsten zu vergrössern. Genau dies sieht man aber im Moment fast überall. Während es Indien scheinbar nicht schafft, im Osten des Landes aus dem Wirtschafts-Wachstum eine breite, auf bescheidenem Niveau lebende Mittelklasse zu schaffen und daraus einen Terrorkrieg erntet, tun sich auch in China immer tiefere Gräben zwischen Arm und Reich auf und Konflikte scheinen vorprogrammiert.

Auch der Frieden und Wohlstand in der «ersten» Welt basiert denn nicht nur auf der Produktivität der Wirtschaft und dem funktionierenden politischen System. Eben so wichtig war eine massvolle Nivellierung der Unterschiede zwischen Arm und Reich mit einer Mittelklasse, in der Wohlstand und eine gewisse Sicherheit dafür sorgen, dass Spannungen zwischen den Schichten nicht bis zum Riss in der Gesellschaft führten.

Doch der Niedergang genau dieser Klasse in den USA und ihr drohender Abstieg in Europa bei gleichzeitig immer reicheren Reichen, die sich ihre Taschen scheinbar nach Belieben stopfen, sind bedenkliche Vorzeichen einer Zukunft, die es zu verhindern gilt.

Momentan können wir noch ohne Angst in die Nachtzüge nach Berlin, Wien und Paris einsteigen. Und dies wird auch noch längere Zeit der Fall sein. Wenn die Politik aber vergisst, dass eine Gesellschaft nur dann Zusammenhält, wenn ein minimaler Konsens der Gerechtigkeit für alle eingehalten wird, droht irgendwann ein Abstieg auf jene Stufe, in der manche glauben, dass nur noch Bomben laut genug sprechen, um gehört zu werden.

(von Patrik Etschmayer /news.ch)

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