Vendée Globe: Vom Abenteuer zur Regatta

publiziert: Samstag, 8. Nov 2008 / 17:10 Uhr

28 Männer und zwei Frauen stechen am Sonntagmittag in Les Sables d´Olonne an der französischen Atlantikküste zur sechsten Nonstop-Weltumsegelung «Vendée Globe» in See. Die Westschweizer Dominique Wavre und Bernard Stamm rechnen sich Chancen aus, nach über 25'000 Seemeilen den Ausgangshafen als Erste zu erreichen.

Auch Bernard Stamm zählt sich zu den Kandidaten auf den Sieg.
Auch Bernard Stamm zählt sich zu den Kandidaten auf den Sieg.
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1989/90 bei der ersten Austragung stand primär die Frage im Raum, ob ein Mensch die Welt ohne fremde Hilfe und ohne Land zu betreten im Alleingang umrunden kann. Als erster der sieben Klassierten kehrte der Franzose Titouan Lamazou nach 109 Tagen zurück. Knapp 20 Jahre später ist aus dem Abenteuer die nach dem America´s Cup prestigeträchtigste Regatta entstanden. Der Startschuss erfolgt um exakt 13.02 Uhr, damit er in den Mittagsnachrichten live übertragen werden kann.

Gegen zehn Millionen Franken dürfte das Budget der Favoriten betragen; für die diesjährige Ausgabe wurden 18 Neukonstruktionen gefertigt. Zum «Mount Everest des Segelsports» treten Profisegler an, die den Sport klar in den Vordergrund stellen und bereits nach rund 80 Tagen zurückerwartet werden. Einzig extreme Witterungsbedingungen könnten dafür sorgen, dass aus der Regatta wider Erwarten ein Überlebenskampf wird.

Das simple Motto «Ein Skipper, ein Boot, ein Planet, nonstop» sowie zwei Todesopfer und mehrere heikle Situationen insbesondere in den Austragungen 2 und 3 trugen zum Mythos der Weltumsegelung bei. Ohne fremde Navigationshilfe geht es via Atlantik, Indischen Ozean und Pazifik auf rund 46'000 Kilometern rund um die Antarktis.

Es drohen Gefahren wie gewaltige Stürme, Kollisionen mit Schwemmgut oder eiskaltes Wasser. «Die Angst vor dem Tod kann ich recht gut verdrängen», erklärt der in La Rochelle wohnende Wavre und verweist auf die erhöhten Sicherheits-Vorschriften im Materialbereich oder in der Konstruktion. «Meine Konzentration gilt primär der Leistung meines Bootes.»

«Ich fahre auf Sieg»

Der 53-Jährige macht sich zum achten Mal auf den Weg rund um den Globus und will nun zum grossen Schlag ausholen. «Ich fahre auf Sieg», sagt der erfahrenste Schweizer Hochsee-Segler. Bis jetzt stehen die Ränge 5 (2001) und 4 (2005) in seinem Palmarès. Seine Taktik ist klar, aber schwierig umzusetzen. Es gilt, die Balance zwischen der grösstmöglichen Belastung des Hightech-Bootes und dem drohenden Materialschaden zu finden.

Bei der Konstruktion seiner Jacht Temenos II arbeitete Wavre eng mit den Konstrukteuren in Neuseeland zusammen und traf die wichtigsten Entscheide selber. Zum Beispiel liess er das Gewicht der schwenkbaren Kielbombe reduzieren und opferte somit etwas an Geschwindigkeit, um dafür einen massiveren Hebelarm für den Schwenkmechanismus zu haben.

Auch der in Saint-Prex bei Morges geborene Stamm zählt sich zu den Kandidaten auf den Sieg, für nach seinen Einschätzungen rund 20 Teilnehmer in Frage kommen. Der 45-Jährige kann als zweifacher Sieger der Weltumsegelung Round Alone (mit Zwischenstopps) bereits beachtliche Erfolge vorweisen.

Die Vendée Globe hingegen brachte ihm bisher kein Glück. Vor vier Jahren war er Zuschauer, weil nach einem Kielbruch in der Vorbereitung die Zeit zu knapp wurde. Im Jahr 2000 segelte er in Spitzengruppe, doch versagte sein Autopilot schon nach zwei Wochen den Dienst.

Das Boot,...

Die 60-Fuss-Schiffe (18,28 m), die nach dem Reglement der IMOCA-Klasse (International 60 feet Monohull Open Class Association) konstruiert sind, gehören zu den schnellsten Booten im Segelsport. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beim 24-Stunden-Weltrekord liegt bei über 38 Stundenkilometern.

Die «Karbon-Geschosse» sind so leicht wie möglich (Geschwindigkeit) und stark wie möglich (um allen Bedingungen auf hoher See zu widerstehen) konstruiert und entsprechen dem neuesten technischen Stand. Die Kolosse können von einer Person gesegelt werden und verfügen über viel Elektronik an Bord. Sie dient der Navigation, der Leistungskontrolle und der Kommunikation. Im Gegensatz zu Wavre geht Stamm nicht mit einer Neukonstruktion, sondern mit einer überarbeiteten Version eines Bootes der 2004er-Generation an den Start.

... der Mensch...

Auch wenn die Jachten über einen Autopiloten verfügen, stossen die Segler an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit. Sie werden nie richtig tief schlafen und während den stürmischen Bedingungen kaum ein Auge zumachen können. Wavre beispielsweise nächtigt auf der Bank vor seinem «Kontrollzentrum».

Ein im Armaturenbrett eingebauter Alarm weckt ihn alle zehn Minuten, damit er rasch die Leistung und Einstellung seines Bootes überprüfen kann. «Nach einer solchen Regatta brauche ich in der Regel drei Monate, bis ich körperlich und mental so weit erholt bin, um ein neues Projekt anzupacken.»

Stamm achtet beim Schlaf auf seinen Bio-Rhythmus. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass er kurz nach 20 Uhr jeweils sofort einschlafen und somit besser Energie tanken kann. Das Essen für die kommenden drei Monate, insgesamt rund 200 kg, ist ebenfalls an Bord. Da gute Verpflegung für die Moral wichtig ist, wird nicht bloss gefriergetrockneter Proviant eingelagert. Während am Aequator der Kalorienbedarf bei rund 3000 Kalorien pro Tag liegt, steigt das Soll im kalten Süden auf 5000 an.

... und das Wetterglück

Viel Zeit verbringen die Segler mit dem Studium der Wetterkarten. Dabei dürfen sie nicht die Hilfe eines Beratungsteams an Land in Anspruch nehmen, sondern müssen sich anhand der Informationen der Rennleitung oder der Daten im Internet ihre Route zurechtlegen. Insbesondere im Flautenloch am Aequator (Pot au noir) entscheidet oft auch das Glück.

Im Prinzip versuchen die Spitzenleute im gleichen Wettersystem wie die Konkurrenz zu segeln, damit sie nicht entscheidend distanziert werden können. Wavre hatte bei der letzten Austragung im Nordatlantik diesen folgenschweren Fehler begangen. Zudem hat jeder Segler seine meteorologischen Präferenzen. Stamm erhofft sich möglichst viel Rückenwind, weil das den Stärken seiner Jacht entsprechen würde.

Die Teilnehmer:
Bernard Stamm (Sz/45-jährig/Bootsname: Cheminées Poujoulat), Dominique Wavre (Sz/53/Temenos II), Unai Basurko (Sp/35/Pakea-Bizkaia), Yannick Bestaven (Fr/34/Energies autour du monde), Jérémie Beyou (Fr/32/Delta Dore), Arnaud Boissières (Fr/36/Akena Vérandas), Dee Caffari (Gb/35/Aviva), Samantha Davies (Gb/34/Roxy), Jean-Baptiste Dejeanty (Fr/30/Groupe Maisonneuve), Kito de Pavant (Fr/47/Groupe Bel), Michel Desjoyeaux (Fr/43/Foncia), Jean-Pierre Dick (Fr/43/Paprec-Vibrac), Raphaël Dinelli (Fr/34/Fondation Ocean Vital), Yann Eliès (Fr/34/Generali), Mike Golding (Gb/48/Ecover), Marc Guillemot (Fr/49/Safran), Derek Hatfield (Ka/56/Spirit of Canada), Sébastien Josse (Fr/33/BT), Roland Jourdain (Fr/44/Veolia-Environnement), Jean Le Cam (Fr/49/VM Matériaux), Armel Le Cléac´h (Fr/31/Brit Air), Jonny Malbon (GB/34/Artemis), Loïck Peyron (Fr/49/Gitana-Eighty), Vincent Riou (Fr/36/PRB), Norbert Sedlacek (Ö/46/Nauticsport-Kapsch), Marc Thiercelin (Fr/48/DCNS), Brian Thompson (Gb/46/Pindar), Alex Thomson (Gb/34/Hugo Boss), Steve White (GB/36/Spirit of Weymouth), Rich Wilson (USA/58/Great American III).

Rund um die Antarktis:
Die Teilnehmer segeln rund 25'000 Seemeilen, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen oder Land zu betreten. Start- und Zielort ist Les Sables d´Olonne an der französischen Atlantik-Küste. Acht festgelegte, virtuelle Tore müssen passiert werden.

Der Parcours führt zunächst an den Kalmen vorbei Richtung Südafrika zum Kap der Guten Hoffnung. Danach geht es im indischen Ozean innerhalb von 1000 Seemeilen südlich an Australien und Neuseeland vorbei rund um die Antarktis und quer durch den Pazifik zum Kap Hoorn. Nach der Passage der Südspitze Südamerikas wird im Atlantik wieder ein nördlicher Kurs zum Ausgangshafen eingeschlagen.

(Von Hans Leuenberger/Si)

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