Übergewicht bei Kindern

Warum die Adipositas-Epidemie erfunden ist

publiziert: Montag, 20. Jun 2011 / 08:31 Uhr / aktualisiert: Montag, 20. Jun 2011 / 08:52 Uhr
Normalgewichtige Kinder beim Mittagessen in der Krippe.
Normalgewichtige Kinder beim Mittagessen in der Krippe.

Unsere Kinder werden immer dicker, es herrsche eine regelrechte Epidemie des Übergewichts, so lautete der Konsens der letzten Jahre. Diese Hysterie sei überzogen, erklärt ein deutscher Buchautor.

3 Meldungen im Zusammenhang
Unserer Gesellschaft gelingt es kaum, das Thema Adipositas auf realistischer Basis zu diskutieren. «Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen gleicht einem Schönwetterthema, das derzeit angesichts Fukushima, Griechenland-Krise und Aufständen in Nordafrika von der Tagesordnung verschwunden ist. Das ist nicht angemessen - ebenso wenig wie vormals seine Dramatisierung» erklärt Michael Zwick, Herausgeber des Buches «Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen».

Eine Adipositas-Epidemie bei Kindern gibt es nicht, so der deutsche Soziologe. «Weder ist die Krankheit ansteckend, noch so dramatisch wie oft dargestellt wird. Problematisch ist, dass Gewichtsklassen bei Minderjährigen nach verschiedenen Verfahren eingeteilt werden, die teils auf statistische Willkür deuten», betont Zwick.

«Völlig überzogen» sei es, in dicken Kindern den drohenden Ruin der Sozialsysteme zu vermuten, so der Experte. Erst Fettleibigkeit sei mit ernsten Krankheitsrisiken verbunden, während der Zusammenhang bei Übergewicht nur schwach sei. «Zudem verbietet sich ein einseitiger Blick, da an Adipositas viele verdienen, die sich ihrer Entstehung, Erforschung, Diagnose, Therapie und Prävention widmen. Auch sind Adipöse ein eigenes Käufersegment.» Gegenteilige Interessen hätten hingegen die Nahrungsindustrie, die Konsolen-, Bildschirm- und Gameshersteller und schliesslich die Steuerzahler und Versicherungsträger, die die Rechnung bezahlen. «Finanziell handelt es sich bei Übergewicht und Adipositas gleichsam um ein Nullsummenspiel», so Zwick.

Übertreibung stigmatisiert

Nicht unbehelligt lässt dieser Diskurs allerdings die von Übergewicht Betroffenen, warnt der Forscher. Wie er in Fokusgruppen zeigen konnte, ist das Bild des «gemütlichen, glücklichen Dicken» ein realitätsfernes Klischee. «Je radikaler die Darstellung von Übergewicht, desto stärker der Schlankheitswahn. Dicksein ist auch bei Kindern mega-out und bringt hohen Leidensdruck durch Hänseleien, Stigmatisierung und andere Konflikte, die auf das Körpergewicht zurückgehen.» Wünschenswert wäre für den Experten eine ähnliche Entkrampfung, wie sie etwa bei Behinderten durch positiveres Medienimage schon ansatzweise gelungen sei.

Ursprung in der Familie

Adipositas geht primär auf die Überflussgesellschaft und die Auflösung der Familie zurück, argumentiert Zwick. Alleine essen mache ebenso wenig dick wie der passive Lebensstil. «Gefährlich ist die Koppelung. Kompetente und gesunde Ernährung und Freizeit muss die Familie vermitteln, doch ist deren Dynamik oft problematisch. Wenige kaufen, kochen, essen oder verbringen die Freizeit gemeinsam. Viele betroffene Kinder sind sich in Ernährung und Freizeit zudem selbst überlassen.» Die oft bemühte Genetik sei weniger wichtig, was Zwick durch das massive Reich-Arm-Gefälle bei Adipositas und die zu rapide Zunahme an Übergewichtigen etwa in den 90er-Jahren begründet.

Bei betroffenen Familien fehlt laut Zwick oftmals auch das Problembewusstsein, weshalb man sie als Adressaten für Prävention kaum erreichen kann. Bildungseinrichtungen müssten häufig erzieherische Aufgaben übernehmen, Gesundheit als Querschnittsaufgabe behandeln und mehr Bewegung und Sport anbieten. Aber auch gesellschaftliche Strukturen sollten verbessert werden. «Das reicht von einfachen Kennzeichnungen, Subventionsstreichungen und Werbeverboten für besonders energiereiche Lebensmittel bis zur Stadtentwicklung, die dem Leitbild 'Bewegung statt Auto' folgt. Ob die Politik derartigen Mut zur Weitsicht beweist, bleibt abzuwarten.»

 

 

(fkl/pte)

Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bei Kälte benötigt der Körper Energie um Wärme zu erzeugen, verbrennt also Kalorien.
London - Wer dafür sorgt, dass ... mehr lesen
Bern - In den Schweizer Städten ist jedes fünfte Kind zu dick. Die übergewichtigen Kinder haben oft Eltern mit wenig Bildung und einer ... mehr lesen
Turnunterricht im Jugendsportcamp für übergewichtige Kinder.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Neuer, vielversprechender Ansatz im Kampf gegen Impfektionskrankheiten.
Neuer, vielversprechender Ansatz im Kampf gegen ...
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Darmstadt haben gezeigt, dass eine neue Klasse synthetischer Wirkstoffe sich gezielt auf die Schwachstellen eines Krankheitserregers hin ausrichten lässt und diesen wirkungsvoll zerstört. Die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichten sie jetzt im Journal «ChemBioChem». mehr lesen 
Wissenschaftler haben Stechmücken entwickelt, die das Wachstum von Malaria verursachenden Parasiten in ihrem Darm verlangsamen und so die Übertragung von Malaria auf den Menschen verhindern. mehr lesen
Die wichtigste malariaübertragende Mückenart in Afrika südlich der Sahara wurde genetisch verändert: Anopheles gambiae.
Nach Einschätzung von «Kinderkrebs Schweiz» kommt es in 20% der Fälle zu einer endgültigen Ablehnung.
Versicherungen Der Bundesrat sieht sich nicht veranlasst, die Einzelvergütung von Medikamenten speziell bei ... mehr lesen  
In der Langzeitpflege wird der Personalbedarf besonders stark ansteigen. Doch viele Fachkräfte wandern in den ersten Berufsjahren in den ... mehr lesen  
Es fehlt ausgebildetes Pflegefachpersonal in der Langzeitpflege.
Titel Forum Teaser
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute So Mo
Zürich 7°C 14°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wolkig, aber kaum Regen
Basel 9°C 15°C wolkig, aber kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wolkig, aber kaum Regen
St. Gallen 6°C 12°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wechselnd bewölkt, Regen
Bern 6°C 14°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen freundlich
Luzern 7°C 15°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wechselnd bewölkt, Regen wolkig, aber kaum Regen
Genf 7°C 15°C wechselnd bewölkt, Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig wolkig, aber kaum Regen recht sonnig
Lugano 12°C 19°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig sonnig
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten