Wie braun ist Deutschland?
publiziert: Dienstag, 11. Nov 2003 / 08:07 Uhr

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Auf der seit Jahren unbebauten Fläche neben dem Brandenburger Tor in Berlin entsteht im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland ein Mahnmal für den Holocaust: Ein dunkelgraues Beton-Stehlenfeld, ansteigend, mit Fluchten ohne Fluchtmöglichkeit. Ein erlebbares Kunstwerk - ausgeliefert und verlassen wird man sich dort fühlen, wie Menschen bei der Deportation.

Begleitet wird der Bau zurzeit von einer Diskussion über Schuld und schwellendem Antisemitismus der Deutschen. Angefacht von einem rechtspopulistischen Bundestagsabgeordneten der CDU mit Namen Martin Hohmann.

Der gab in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit den Juden die Hauptschuld an den Verbrechen des Kommunismus und setzte diese Verbrechen mit dem Holocaust gleich. Nach dem Motto: Täter und Täter – jetzt sind wir endlich quitt.

Martin Hohmann wird am Freitag aus der CDU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen. Chefin Angela Merkel hatte lange mit dem Schritt gezögert, doch der öffentliche Druck war zu stark geworden.

Eigentlich wollte man Hohmann halten, ihn zu einer Entschuldigung drängen, scharf rügen, einen Maulkorb verpassen und dann Gras über die Sache wachsen lassen. Als Berichterstatter der CDU-Fraktion gehörte es nämlich zu Hohmanns Aufgaben, sich zu den Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter und zum Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu äussern.

Wie kam jemand mit seinem Gedankengut an diese Aufgaben? Denn eigentlich war die Gesinnung Hohmanns bekannt: Er ist ein wichtiges Teil im Machtgefüge von Hessens "Brutal-Aufklärer" und Ministerpräsident Roland Koch, eingesetzt, um im Kreis Fulda am äusseren rechten Rand nach Wählern zu fischen. Doch Koch musste ihn opfern, Höchststrafe Parteiausschluss.

Nachdem dann noch der hochrangige Bundeswehr-General Günzel (KSK-Elite-Truppe in Afghanistan) wegen Hohmann-Lob kurzerhand rausgeschmissen wurde, steht eine Frage im deutschen Raum: Sind die Deutschen immer noch ein braunes Volk?

Eine (Stimmungs-)Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid von letzter Woche sollte erstmal Licht in den Abgrund bringen: Demnach sind 79 Prozent der Auffassung, dass die Deutschen jüdischen Mitbürgern gegenüber positiv eingestellt sind. Lediglich zwölf Prozent der Deutschen denken, dass eine "grosse Zahl" Juden ablehne. Fragt man nach den Gründen, denken 50 Prozent, dass diese Antipathie an der israelischen Politik in Palästina liegt. Klingt das beruhigend?

Was wirklich bedenklich macht, ist, dass Hohmann diese Rede in einem Lokal in der hessischen Provinz ohne Widerspruch, eher mit Applaus, halten konnte, und zudem der Text vier Wochen auf der Internetseite der örtlichen CDU unbehelligt stehen konnte.

Es ist eine Utopie zu glauben, dass braunes Gedankengut, Rassismus und Ressentiments aus der Gesellschaft ganz verschwinden. Diese schlummern in rechtsnationalen Studentenverbindungen, ultra-konservativen Juristen-Klüngeln, rechter Wirtschaftselite und in Eliteverbänden der Bundeswehr, wie den Jägern oder den in der Bundeswehr verehrten Fallschirmjägern.

Solche Gruppierungen warten nur darauf, einen moralischen Freifahrtschein für antisemitische Hetze und Nationalparolen zu bekommen. Geht es nach diesen rechten Gruppierungen, sei die Schuld nun endlich getilgt.

Für die deutsche Gesellschaft und die deutsche Politik bleibt die Aufklärung und das Gedenken des Holocaust eine dauerhafte Aufgabe. Die Debatte um die Hohmann-Rede zeigt, wie ernst den Deutschen dieses Thema immer noch ist, der Ernst, der die bisherige, schonungslose Aufarbeitung der Nazi-Greuel überhaupt möglich gemacht hat.

Das Mahnmal in Berlin zum Gedenken der ermordeten Juden ist schliesslich nicht für die Juden – sondern für die Deutschen.

(von Felix Steinbild, Berlin/news.ch)

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