Zeitenwende in London
publiziert: Donnerstag, 2. Apr 2009 / 11:58 Uhr / aktualisiert: Donnerstag, 2. Apr 2009 / 12:17 Uhr

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Nun sitzen Sie wieder zusammen und retten die Welt. Die G-20-Regierungschefs. Vor dem Hintergrund der grössten Wirtschaftskrise seit fast 80 Jahren wollen sie an einem Tag die Weichen für eine Zukunft stellen, in der wieder Wohlstand und ökonomische Sicherheit herrschen.

Blöderweise sind sie sich nicht wirklich einig über die Fahrtrichtung und das konkrete Wesen ihrer Ziele. Die Kontinentaleuropäer, vertreten durch die fast schon symbiotisch aneinander klebenden Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, wollen vor allem eines: Regulieren, regulieren und ja, regulieren. Von neuen Konjunkturpaketen und dem Anwerfen der Geldpresse halten sie nichts oder nur sehr wenig, fürchten sie sich doch vor der Gefahr einer Super-Inflation, sobald die Wirtschaft wieder anspringt.

Auf der anderen Seite dieses Zaunes stehen im Moment der US-Präsident Obama und der englische Premier Gordon Brown, die auf noch mehr Stimulation der Wirtschaft setzen, auch wenn dies weitere Milliarden-Ausgaben bedeutet. An der Regulierungsfront hingegen starten die beiden keine grosse Initiative und es bleibt momentan noch bei punktuellen Massnahmen, wie einer globalen Regelung der Bezahlung von Bankmanagern um die «Moral in die Finanzwelt» zurück zu bringen.

Doch es gibt noch mehr Forderungen von anderen Seiten und diese lassen einen erahnen, dass nach dieser Krise nicht mehr alles gleich wie bis anhin sein wird. Zum Beispiel die Forderung von Russland und China nach einer neuen globalen Reservewährung anstelle des US-Dollars wäre vor fünf Jahren noch nicht einmal ernsthaft ignoriert worden. Doch jetzt trifft sie durchaus schon auf mehr als nur höfliches Interesse. China, die neue Wirtschaftssupermacht, sieht sich derzeit als Gefangener der US-Währungspolitik. Sollte es dank der nun heiss laufenden US-Notenpressen zu einer Inflation kommen, würde China massive Einbussen erleiden, ist China doch der grösste Geldgeber der USA und hat in seinen Währungsreserven ca. 1,4 Billionen US-Dollars liegen.

Die USA sind zwar immer noch die grösste Volkswirtschaft der Welt, aber die Frage ist: Wie lange noch? Das Ziel von Obama ist es natürlich, Amerika wieder zur alten Grösse zurück zu führen, doch es sind berechtigte Zweifel daran angebracht, dass dies so einfach möglich sein wird. Denn das Ziel von China, Russland und scheinbar auch von Japan (vom Euro-Europa ganz zu schweigen), ist es, die Weltwährung US-Dollar zu entsorgen.

Schnell wird das freilich nicht passieren und auch nicht so einfach, wie sich das womöglich so mancher vorstellt. Aber je instabiler und unberechenbarer der Dollar ist (und die momentanen Ereignisse lassen an einer baldigen Stabilisierung Zweifel aufkommen), desto wichtiger wird es, eine neue Leitwährung zu finden. Denn die Wirtschaftskrise hatte zwar nicht ihre Ursachen im Dollar, aber diese Währung ist ein tragender Teil der globalen finanziellen Infrastruktur – ein Teil, dessen strukturelle Integrität momentan mit gutem Grund hinterfragt werden darf.

Ein erster Schritt ist die Offensive Chinas, mehr Mitsprache im Internationalen Währungsfonds IWF zu bekommen. Dies soll in Abstimmung mit den anderen Schwellenländern Brasilien, Indien und Russland erreicht werden. Die Logik hinter dieser Forderung lässt sich nicht von der Hand weisen: Warum China und Indien in diesem Gremium weniger Mitspracherechte als zum Beispiel Belgien haben, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Eine solche grössere Mitbestimmung käme auf Kosten Europas und der USA zustande – kaum etwas, das hier auf offene Ohren stossen wird.

Doch es wird sich etwas ändern, ob man dies hier nun will, oder nicht. Die gegenwärtige Krise könnte der Katalysator einer Zeitenwende gewesen sein. Was sich genau tun wird, werden wir auch nicht nach dem Ende dieses Gipfels in London wissen. Eigentlich weiss man nur eines: Es wird nie mehr, wie es mal war, ganz egal wie gerne man dies hätte.

(von Patrik Etschmayer/sda)

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