Die Japaner lieben Grimm-Märchen
publiziert: Montag, 25. Feb 2002 / 14:03 Uhr / aktualisiert: Montag, 25. Feb 2002 / 20:18 Uhr

Kassel - Die Märchen der Brüder Grimm gehören zu den am häufigsten gelesenen Büchern im fernen Japan. Die fantastischen und zugleich gruseligen Geschichten um Schneewittchen, Rotkäppchen oder Rapunzel sind dort nicht nur Gute-Nacht-Lektüre für Kinder, sondern vor allem bei Erwachsenen in Mode.

Eine neue Ausgabe der Märchen wird dort so gut verkauft, dass sie sich hartnäckig auf der Bestsellerliste hält, berichtet der Leiter des Brüder Grimm-Hauses in Steinau, Burkhard Kling.

Manche Japaner wissen nach Expertenmeinung mehr über Jakob und Wilhelm Grimm und die Volksmärchen aus der Zeit der Romantik als viele Menschen in Hessen, wo die Märchensammler im 19. Jahrhundert lebten.

Prominenter als Goethe

"Die Brüder Grimm sind in Japan bekannter als Goethe", sagt der Leiter des Brüder Grimm-Museums in Kassel, Bernhard Lauer, der auch Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft mit 400 Wissenschaftlern ist. Märchen-Bände erreichten in Japan Auflagen von mehreren Millionen Exemplaren.

Auch die Geschäftsstellen-Leiterin der Deutschen Märchenstrasse, die über mehr als 600 Kilometer von Hanau bis nach Bremen verläuft, ist immer wieder erstaunt über die Kenntnisse von Japanern. "Die wissen so extrem Bescheid über die Brüder Grimm. Das weiss bei uns kein normaler Bürger", sagt Brigitte Buchholz-Blödow.

Rund ein Viertel der Besucher im Brüder Grimm-Museum in Kassel, wo die Begründer der Germanistik einen Grossteil der mündlich überlieferten Märchen zusammentrugen, kommt aus Japan. Etwa 5000 bis 10 000 seien es jährlich, schätzt Lauer, der das Museum nach einer Sanierung im Juni wieder öffnen will.

Japanische Touristen machen stets auch in Hanau, wo die Märchensammler 1785 und 1786 geboren wurden, und in der kleinen Stadt Steinau im Main-Kinzig-Kreis halt. In einem ehemaligen Amtshaus verbrachten die Grimms dort ihre Jugend. Heute gibt es als Ausstellungsgebäude Einblicke in ihr Leben und Wirken.

"Glückskönigreich" auf Hokaido

Doch das grösste "Museum" steht in Japan: Auf der Insel Hokaido lässt der Erlebnispark "Brüder Grimm-Glückskönigreich" die Fantasie- Welt mit Prinzessinnen, Hexen und Zwergen aufleben. Dort sind unter anderem das Hanauer Rathaus und das Brüder-Grimm-Haus in Steinau nachgebildet.

Das grosse Interesse der Japaner an den Brüdern Grimm versucht der japanische Germanist Isamitsu Murayama mit den versteckten grausamen und erotischen Momenten in den Märchen zu erklären. "In Japan herrscht immer noch eine grosse Prüderie", meint der Wissenschaftler, der gerade an einer Doktorarbeit über Grimms Märchen sitzt.

Der Kasseler Museumsleiter Lauer sieht die Liebe zu den Volksmärchen historisch begründet. Als sich Japan 1867 öffnete, habe es sich vor allem an Deutschland als wichtigster Macht in Europa orientiert. Die deutsche Romantik sei dann mit den Volksmärchen in Japan vermittelt worden.

(Monika Wendel/sda)

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