Ein Sieg über die Vergangenheit
publiziert: Sonntag, 22. Jul 2012 / 18:07 Uhr / aktualisiert: Sonntag, 22. Jul 2012 / 19:01 Uhr

Nach dem Sieg an der Tour de France steht Bradley Wiggins (32) zuoberst auf der Karriere-Leiter. Der Triumph ist der Lohn für ein Leben, das einer Achterbahn gleicht, geprägt vom sportlichem Erfolg, aber auch von familiären Problemen und Alkohol.

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«Mit 24 hatte ich alles erreicht, da blieb mir nur noch das Bier. Sechs Stunden am Tag, eine Flasche nach der anderen.» Bradley Wiggins erinnert sich an die Zeit, als er 2004 nach seinem ersten Olympia-Gold auf die schiefe Bahn geriet und sich erst ein Jahr später nach der Geburt seines ersten Sohnes wieder auffing. Die Episode ist typisch für das Auf und Ab im Leben des typisch britischen «Gentleman», der mit seinem ersten Tour-de-France-Triumph sein sportliches Meisterstück ablieferte.

Wiggins, 1980 in Gent (Be) geboren, musste schon früh Widerstände überwinden. Sein Vater Gary, ein ehemaliger Sechstagefahrer, schmuggelte Amphetamine vorzugsweise in den Windeln seines Sohnes. Zwei Jahre nach seiner Geburt trennten sich die Wege von Bradleys Eltern. Die Mutter zog mit ihrem Sohn nach London, wo Wiggins in einem schwierigen Umfeld aufwuchs. Sein Vater starb 2008 in Australien unter mysteriösen Umständen.

Kinderzimmer mit Indurain-Poster

Als Kind interessierte sich Einzelgänger Wiggins nicht wie seine Altersgenossen für Fussball, sondern für den Radsport. In seinem Kinderzimmer hing ein Poster von Miguel Indurain; er träumte vom Tour-Sieg. Jahre später fährt Wiggins seine Konkurrenten ähnlich dominant und abgeklärt wie einst sein Vorbild in Grund und Boden. Wie Indurain legte Wiggins die Basis zu seinem Triumph in seiner Spezialdisziplin Zeitfahren.

Seine Laufbahn begann Wiggins auf der Bahn. Auf dem Oval gewann er alles, was es zu gewinnen gibt. 2004 in Athen und vier Jahre später in Peking gewann er an den Olympischen Spielen in der Einzelverfolgung, 2008 triumphierte er zudem in der Mannschaftsverfolgung. Total sechs olympische Medaillen und zehn Podestplätze an Weltmeisterschaften weist sein Palmares auf.

Rad-Hoffnung der Briten

Danach erfolgte der endgültige Wechsel auf die Strasse. Nach einem 4. Platz an der Tour de France 2009 avancierte er zur Rad-Hoffnung der Briten. Ein Jahr danach bei seiner Premiere für das neue Sky-Team kassierte er als 23. eine Schlappe. Vor einem Jahr musste er die Tour nach einem Sturz frühzeitig aufgeben. «Man braucht solche Enttäuschungen, um ein besserer Sportler zu werden», sagt Wiggins. «Entweder du wirst stärker oder du gehst daran zu Grunde.»

Seine bewegte Vergangenheit kann ein Grund dafür sein, dass Wiggins wie kaum ein anderer gegen Doping kämpft. In seiner 2008 erschienen Autobiografie rechnete er schonungslos mit den Sündern der Vergangenheit ab. Wiggins verliert gegenüber Kritikern schon mal die die Contenance. «Vielleicht sollte ich es nicht persönlich nehmen, aber es kommt jeweils direkt aus dem Herzen», so Wiggins über seine gelegentlichen Schimpftiraden. «Ich will beweisen, dass ich nur mit Brot, Wasser und harter Arbeit so weit gekommen bin.» Man würde es ihm irgendwie gönnen.

Porträt:
BRADLEY WIGGINS. - Geboren am 28. April 1980 in Gent (Be). - Grösse/Gewicht: 189 cm/76 kg. - Familie: verheiratet mit Catherine, 2 Kinder (Sohn Ben, Tochter Bella). - Radprofi seit 2001. - Team: Sky ProCycling (Gb/seit 2010). - Wichtigste Erfolge. Bahn: 6 Olympia-Medaillem (Gold: Einzelverfolgung 2004 und 2008, Mannschaftsverfolgung 2008; Silber: Mannschaftsverfolgung 2004; Bronze: Mannschaftsverfolgung 2000 und Madison 2004), 10 WM-Medaillen (Gold: Einzelverfolgung 2003, 2007 und 2008, Madison 2008, Mannschaftsverfolgung 2007 und 2008; Silber: Mannschaftsverfolgung 2000, 2001 und 2003; Bronze: Mannschaftsverfolgung 2002). - Strasse: Gesamtsiege Tour de France (2012), Dauphiné-Rundfahrt (2011, 2012), Tour de Romandie (2012) und Paris - Nizza (2012), 2 Etappensiege Tour de France (2012), 1 Etappensieg Giro d'Italia (2010), WM-Silber Zeitfahren (2011).

(fest/Si)

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