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«Federer dient mir in meiner Situation als Vorbild»
publiziert: Sonntag, 12. Aug 2012 / 22:33 Uhr

Kurz vor dem Interview mit der schreibenden Zunft wurde Nino Schurter von den Emotionen übermannt. Er wandte sich ab, hielt kurz inne - und versuchte die grosse Enttäuschung über den knapp verpassten Olympiasieg dann wenigstens einigermassen zu verbergen.
Nino Schurter: «Gleich nach dem Rennen war ich sehr enttäuscht. Und ich bin es eigentlich immer noch ein bisschen. Aber ich holte das Maximum heraus. Es war knapp, aber auf den letzten 200 Metern war einfach einer stärker. Ich glaube, ab morgen kann ich mich über Silber freuen.»
Können Sie beschreiben, wie Sie diese letzten 200 Meter erlebt haben?
«Bis dahin lief es nahezu perfekt. Auch als ich in der zweitletzten Kurve überholt wurde, dachte ich noch, dass ich diesen Sieg hole. Es wäre der schönstmögliche gewesen, es gibt nichts Besseres, als so knapp zu gewinnen. Ich hätte in der Situation vielleicht schneller zumachen müssen, statt auf meiner Linie zu bleiben. Aber ich dachte, ich schnappe Kulhavy auch so noch - und liess ihm die Innenseite. Vielleicht wäre es sonst nicht fair gewesen. Dann war die Zielgerade einfach zu kurz, um nochmals an ihm vorbeizukommen. Das Rennen war beste Werbung für unseren Sport und ein super Fight - auch mit Fontana, bis bei dem die Sattelstütze brach. Schade, hat es nicht ganz gereicht. Jetzt grüble ich natürlich schon: War mein Verhalten richtig oder falsch?»
Hat es Sie überrascht, dass es zum Showdown mit Kulhavy gekommen ist? Sie hatten ihn ja nicht so weit oben auf der Rechnung.
«Ich habe tatsächlich nicht erwartet, dass Kulhavy die Goldmedaille mit nach Hause nimmt, dafür aber damit gerechnet, dass andere ganz vorne mitmischen. Dass Kulhavy nicht nur mitfuhr, sondern mehrfach angriff, überraschte mich wirklich.»
Wie gingen Sie mental damit um, dass da plötzlich einer war, mit dem Sie nicht gerechnet hatten?
«Es war auch für den Kopf ein sehr hartes Rennen, weil lange eine Fünfergruppe an der Spitze fuhr und man sich nicht einmal einer Medaille sicher sein konnte. Die Strecke ist hektisch, verzeiht keine Fehler, es hat fast keine langen Anstiege, in denen man eine Entscheidung herbeiführen kann. Es ist eigentlich keine Strecke, die Kulhavy liegt, das Erstaunen ist deshalb umso grösser. Aber er hat den Sieg verdient.»
Können Sie sich vorstellen, dass Kulhavy im Weltcup mit den Gegnern ein bisschen «Versteckis» gespielt hat?
«Ich glaube nicht, dass er seine Karten extra erst hier aufgedeckt hat. Das Heimrennen Mitte Mai in Nove Mesto war ein grosses Ziel von ihm. Dort konnte ich ihn schlagen. Er hat nun wohl einfach das perfekte Timing erwischt.»
Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn Ihre Teamkollegen länger hätten mithalten können?
«Es wäre sicher ein Vorteil gewesen, wenn mindestens einer auch noch in der Spitzengruppe gewesen wäre. Als Burry Stander noch vorne dabei war, wusste ich auch nicht, ob der allenfalls mit Markenkollege Kulhavy gemeinsame Sache machen würde.»
Sie haben im Vorfeld gesagt, Sie hätten es schön gefunden, wie positiv Roger Federer nach seiner Silbermedaille reagiert hat. Ist das etwas, woran Sie sich jetzt aufrichten, wie er mit der Niederlage im Final umgegangen ist und den 2. Platz angenommen hat?
«Ich fand es wirklich sehr schön von ihm, wie er sich über Silber freuen konnte, er als Champion, der sich eigentlich nur ans Siegen gewöhnt ist. Er dient damit sicher auch mir in meiner Situation als Vorbild.»
Bronze vor vier Jahren in Peking, jetzt Silber...
(Unterbricht.) «... Gold in Rio.»
Mögen Sie schon wieder so weit vorausdenken?
«Die nächsten Tage muss ich jetzt einmal ein bisschen abschalten. London war ein grosses Ziel, nun werde ich mir neue Ziele setzen.»
Es gäbe ja auch in diesem Jahr noch ein Ziel.
«Ja, es finden Anfang September auch noch Weltmeisterschaften statt. Es ist noch ein bisschen früh, um daran zu denken, obwohl es nicht mehr lange dauert. Die Olympia-Vorbereitung hat viel Kraft gekostet, mal schauen, was jetzt die nächsten Ziele sind.»
(fest/Si)
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