Einige Tote sind gleicher als andere ...
publiziert: Mittwoch, 23. Jul 2014 / 15:14 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 23. Jul 2014 / 15:31 Uhr
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Der Politjournalist Christof Moser twitterte letzte Woche ein Bild zum Absturz der malaysischen Unglücksmaschine. Auf diesem waren menschliche Leichenteile erkennbar. Daraus enstand eine Diskussion über die Macht der Bilder und die Frage, inwiefern Gewaltbilder überhaupt gezeigt werden sollen oder nicht.

Die darauffolgende Diskussion in SRF 3 zum Thema endete mit der Aussage des Kriegsfotografen Christoph Bangert, der in seinem War Porn geköpfte Menschen, Blutlachen, Folteropfer zeigt, dass Gewaltbilder viel öfters und drastischer gezeigt werden müssten, aber Twitter dazu nicht das geeignete Medium sei. Angesichts solcher Aussagen ist es deshalb höchste Zeit, um wieder einmal kritisch und philosophisch über Bilder, Handeln und Information nachzudenken.

Das Verhältnis von Bild und Information war seit jeher ambivalent, um es vorsichtig auszudrücken. Die Arbeitsteilung zwischen Bild und Information hingegen wurde jahrzehntelang als geklärt angesehen: Das Bild soll zeigen, die Information soll erklären. Spätestens seit 9/11 wissen auch Nicht-Kulturwissenschaftler, dass die Sache viel komplexer ist. Seit dem 11. September 2001 üben Terroristen und Folterer auch den Beruf des Medienschaffenden aus. Dies zeigt aktuell der Bilderfeldzug der Bilderstürmer-Truppe ISIS. ISIS inszeniert dabei nicht nur sich, sondern spielt gezielt die Hollywood-Stürmer-Filme ab, die ihnen Vorlage für ihr Wirken geben. Was war zuerst? Die Blutlachen, Folterungen, Vergewaltigungen von Frauen oder die filmische Vorwegnahme? Wir werden es nie entscheiden können und sollen es auch nicht, weil genau dieses Zusammenspiel von Medien und Herrschaft weder zuerst das Huhn noch das Ei, aber sehr wohl die Massentierhaltung kennt.

In vergangenen Jahrhunderten sicherten sich die Herrschaften die Bilder. In jüngster Zeit erobern die Bilder neue Herrschaft. Dies bedeutet eine Umkehr von Vorstellung und Wirklichkeit. Wir stecken mitten in diesem Prozess, nämlich dass die Welt nicht einfach Ausdruck des eigenen Willens, sondern die Vorstellung die eigentliche Herrschaft darstellt ... - und ja klar: Hier an Alle einen Gruss von Schopenhauer. Der alte Frauenhasser, Pudelliebhaber und das Genie war überzeugt davon, dass «Die Welt» seine «Vorstellung» sei, womit er ziemlich den Denk-Jackpot geknackt hatte. Schopenhauer brachte mich jedoch auf die Idee, dass es doch ganz anders aussieht, als sich das der alte Gramkopf vorstellen mag, denn: Die Vorstellung macht mittlerweile Welt. Das heisst auf die Medienbilder übersetzt: Wir sehen nicht, was ist, sondern in der Politik ist nur, was inszeniert und gesehen wird.

Zurück zur Frage, ob das Bild der Unglücksmaschine mit abgebildeten Leichenteilen auf Twitter oder überhaupt als Bild in den Medien verbreitet werden darf, sollte, soll oder unter keinen Umständen jemals sollte. Dazu gibt es nur eine Antwort: Dieses Bild sollte es nie geben, weil dieses Unglück nie hätte stattfinden dürfen. Mit anderen Worten: Nicht das Bild ist das Skandalon, sondern welche Zusammenhänge zur Ermordung von 298 Menschen geführt haben (das lohnt sich übrigens immer bei sogenannten «Unfällen» - die Frage nach den Hintergründen). Doch da die Verwechslung von Vorstellung und Wirklichkeit in unserer Zeit schon absurde Ausmasse annimmt, bleiben wir im Sehen stecken und diskutieren deshalb lieber den Gewalt-Tweed als die Struktur, die einer derartigen «Bildkomposition» zugrunde liegt. Und nach wie vor ist die Frage entscheidend: Dient das Bild der Information oder bedient es den Horror-Voyeurismus, dem viele Intektuelle durchaus frönen? Und was soll mehr Raum einnehmen? Das Bild oder was hinter dem Bild steckt?

Vielleicht wäre es höchste Zeit mal endlich all die Bilder zu zeigen, die die Mörder statt die Leichen zeigen. Oder die belegen, dass einige Tote wichtiger sind als andere. So schreibt der Politjournalist Christoph Moser auf seiner FB-Wall mit Fug und Recht: «Bild von Flugzeugtrümern und Leichen twittern: Riesenaufregung! Artikel zu 180 toten Flüchtlingen im Mittelmeer twittern: routiniertes Gähnen.» Das ist der Kernpunkt der Diskussion zu Bildern mit Leichenteilen: Wann sind einige Tote auf Bildern gleicher als andere (in Anlehnung an George Orwells Animal Farm: «Some animals are more equal than others.»)?

Es kommt noch etwas hinzu: Wenn Terroristen schon Medienschaffende geworden sind, dann dürfen wir nicht vergessen, dass auch alle anderen Herrschaftsgruppen Medienarbeit zur Sicherung ihrer Position einsetzen. Deshalb sehen wir nie Bilder über die Wirkung der Politik, der Wallstreet beispielsweise oder zum Austeritätspaket der Europäischen Union. Hier gibt es auch massenweise Tote, nur werden die nie so filmgerecht und blutig abfotografiert wie dies die Propagandisten der Unrechtsregime so perfekt schaffen - siehe Naher Osten.

Deshalb sollte die Diskussion um die Eroberung der Welt als BildTM tiefer gehen als über die schockierende Wirkung von Leichenteilen. Denn wirklich schockierend ist die Tatsache, dass es keine Bilder über Tausende von Leichen, die nicht durch Terror, Krieg und Unfälle passieren, gibt. Schockierend ist, dass die Mörder nie gezeigt werden, jene Akteure, die diese Leichen produzieren. Diese Leerstellen müssten gezeigt, reflektiert und diskutiert werden. Denn Leichen gibt es überall, fragt sich nur, welche in die Tageszeitung dürfen und welche nicht...

Der Producer Elia Camponovo, der mich mit seinem Eintrag auf Facebook inspiriert hat, hält fest: «Morden können nicht nur Islamisten oder israelisches Militär. Der neue Trend ist morden durch sparen. In Griechenland beispielsweise verlieren Arbeitslose nach zwei Jahren ihre Krankenversicherung. Eine Reform-Spar-Idee der Europäischen Union.»

Die Ikonografie, die Bildersprache der Gegenwart, ruft auf, genauer hinzusehen.

(Regula Stämpfli/news.ch)

Gut gemeint...
....aber viel zu lasch.

Der sonst gewohnte Biss fehlt hier komplett.

Ganz im Gegensatz zum TV-Auftritt im Sonntalk, welcher gut eingeschlagen hat.
Kein Vergleich mit früheren Auftritten. Frau Stämpfli scheint einen Entwicklungsschritt gemacht zu haben.
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