Die Zukunft
Chancen und Risiken im Energiesektor
publiziert: Mittwoch, 19. Nov 2014 / 10:03 Uhr

Mit der Energiestrategie 2050 will der Bund das Schweizer Energiesystem für eine klimaverträgliche Zukunft rüsten. Das Vorhaben stellt - ähnlich wie die Energiewende in Deutschland - die betroffenen Akteure vor zahlreiche Herausforderungen und Risiken. Es ergeben sich aber auch etliche Chancen, die es zu ergreifen gilt.

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Natürlich spielt der Energiesektor dabei eine entscheidende Rolle. Nachdem Bundesrat und Parlament 2011 entschieden hatten, schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen, formulierte der Bund die Energiestrategie 2050, um das Schweizer Energiesystem nachhaltig umzubauen. Die Chancen und Herausforderungen, die sich dabei ergeben, möchte ich in diesem Beitrag erläutern.


Herausforderungen der Energiestrategie 2050

Folgende Themenfelder geben eine Auswahl der wichtigsten Herausforderungen für die Akteure im Schweizer Stromsektor:

Handelsregeln
Die Schweiz nimmt eine zentrale Rolle im internationalen Stromaustausch ein. Sie ist aber immer stärker von den Regulierungen und Handelsregeln der EU abhängig. Ein bilaterales Abkommen mit der EU im Stromsektor wäre für uns enorm wichtig. Derzeit ist allerdings offen, ob die Schweiz ein solches in näherer Zukunft abschliessen kann. Würde das Abkommen mit der EU nicht zustande kommen, so hätten die Schweizer Marktakteure wohl mit einer zunehmenden Rechts- und Planungsunsicherheit zu kämpfen. Dies würde sich vor allem auf den grenzüberschreitenden Stromhandel und Betrieb sowie auf die Versorgungssicherheit in der Schweiz auswirken, da notwendige Investitionen in die inländische Infrastruktur wegen den mangelnden Marktabsatzchancen nicht mehr (oder nur verzögert) getätigt würden.

Produktionsmuster
Die Energiepolitik in der EU hat zur Folge, dass in grossem Stil erneuerbare Energien zugebaut werden, insbesondere Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen. Diese Anlagen produzieren dargebotsabhängig, das heisst, immer dann, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Das Marktgefüge, wie es vor einigen wenigen Jahren noch existiert hat, verändert sich dadurch massiv. Das zeigt sich etwa darin, dass die grossen Preisunterschiede zwischen Nacht- und Tagstrom (während der Mittagsspitze) heute nicht mehr ausgeprägt existieren.

In europäischen Ländern hat diese Entwicklung noch weitere Auswirkungen: Der Preiszerfall beim Strom, die günstigen (da oft subventionierten) Kohlepreise und die tiefen CO2-Zertifikatspreise sorgen dafür, dass immer mehr Gaskraftwerke unrentabel und vom Netz genommen werden.

Investitionsanreize
In Europa bestehen derzeit im Bereich der erneuerbaren Energien starke Investitionsanreize, vornehmlich allerdings wegen der Subventionen mittels Einspeisevergütung. So übersteigt zum Beispiel die Leistung der in Deutschland in den letzten Jahren installierten Photovoltaik-Anlagen die Grössenordnung von mehreren Kernkraftwerken. Und auch in Italien werden in grossem Stil Anlagen zugebaut. Dabei ist aber unsicher, wie der zukünftige Regulierungsrahmen gestaltet wird. Im Gegensatz dazu sind bei den traditionellen Kraftwerkstypen die Investitionsanreize in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Das hat zur Folge, dass für die Versorgungssicherheit dringend notwendige Produktionskapazitäten teils nicht mehr vorhanden sind (z.B. in Deutschland).

Chancen der neuen Energiepolitik

Wie jeder Umbruch birgt auch die Energiewende nicht nur Risiken, sondern  auch Chancen. Um sich in Zukunft im Markt etablieren und halten zu können, wird es essenziell sein, diese Chancen zu erkennen und entsprechende Produkte auf den Markt zu bringen.

Dienstleistungen
Das klassische Geschäft mit dem Handel und Vertrieb von Strom gestaltet sich immer unrentabler. Gleichzeitig werden die Gesamtenergiekosten in Zukunft eher steigen. Deshalb werden Dienstleistungen im Bereich Gesamtenergiekonzepte und Energieeffizienz künftig interessanter.

Flexibilität
Die verstärkte Einspeisung dargebotsabhängiger Energiequellen bringt das Gesamtsystem immer mehr an seine Grenzen: Bereits heute muss man zum Teil massive Einschränkungen in der Produktion und im Handel hinnehmen, um das Netz weiterhin stabil betreiben zu können. Somit könnten neue (Finanz-)Produkte, die den Handel von Flexibilitätsoptionen etwa von Wasserkraftwerken erleichtern, einen hohen Stellenwert erhalten - sei dies bei der Produktion oder beim Verbrauch.

Speicher
Eng mit der Flexibilität hängen die Stromspeicher zusammen. Ich gehe aus den oben genannten Gründen davon aus, dass der Bedarf an Speichern sowohl für die Kurz- wie auch die Langzeitspeicherung eine wichtige Rolle im zukünftigen Stromsystem spielen wird. Mengenmässig werden sowohl kleine Speicher als auch solche im grosstechnischen Massstab wichtig.

Smart Grids
Daneben wird es unumgänglich sein, all dieser Anwendungen zu einem intelligenten Netz - einem sogenannten Smart Grid - zu verbinden, um die neuen Herausforderungen zu meistern. Komponenten eines Smart Grids sind einerseits steuerbare Produktionsanlagen, andererseits steuerbare Endverbraucher (z.B. Wärmepumpen, Boiler) sowie geeignete Messeinrichtungen.

Erneuerbare Anlagen
Gegenwärtig ist der Investitionsbedarf in erneuerbare Energien noch anhaltend, beruht aber zu einem grossen Teil auf staatlich gesteuerter Förderung. Somit sind diese Investitionsmöglichkeiten sehr stark von den politischen und regulatorischen Entwicklungen in den einzelnen Ländern abhängig. Deshalb sollten die Investitionschancen, die heute klar bestehen, immer auch sorgfältig auf allfällige Regulierungsrisiken von morgen hin überprüft werden.

Fazit: Die Chancen packen!

Um in Zukunft erfolgreich in der Energiebranche sein zu können, gilt es, die genannten Herausforderungen anzugehen und gleichzeitig die vielfältigen Chancen möglichst früh zu erkennen und zu nutzen. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt, und dass eine nachhaltige Energieversorgung in Zukunft möglich ist. Sicher braucht es grosse Anstrengungen von allen Beteiligten, und bei einigen gewiss auch ein Umdenken. Doch der Forschungs- und Wirtschaftsplatz Schweiz ist für die bevorstehenden Aufgaben gut gewappnet.

( Dr. Christian Schaffner/ETH-Zukunftsblog)

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