
Selbst im Wallis geht die Nachfrage nach seelsorgerischen und kirchlichen Leistungen stetig zurück. Die Kirchenbänke sind immer spärlicher gefüllt, viele Pfarreien haben keinen eigenen Pfarrer mehr. Trotzdem erhalten Pfarrer und im seelsorgerischen Dienst tätige Laien im Kanton Wallis ab 1. September 2012 eine saftige Lohnerhöhung.
Man hat in den lokalen Medien noch nirgends darüber lesen können: Per 1. September 2012 erhalten die Pfarrer und die in der Seelsorge tätigen Laien im Wallis eine schöne Lohnerhöhung von 200 Franken monatlich. Und das unabhängig von den üblichen Erfahrungsanteilen und dem Teuerungsausgleich. Runde zweieinhalb Tausender jährlich mehr. Das dürfte den meisten Kirchenfunktionären gefallen. Diese Lohnerhöhung steht im krassen Missverhältnis dazu, dass die Kirchenbänke landauf landab immer leerer werden und der Altersdurchschnitt der Messbesucher 60 schon lange überschritten hat. Weniger Arbeit - mehr Lohn... Das mag keinem mit gesundem Menschenverstand Begabten einleuchten. Aber hier geht es freilich nicht um gesunden Menschenverstand, sondern um Religion und Kirche, sowie um deren Verhältnis zu den staatlichen Institutionen.
Ich könnte als Lehrer übrigens auch ganz gut damit leben, wenn mir dergleichen widerfahren würde. Nehmen wir an, man würde den Lehrern die Lektionenzahl reduzieren und zusätzlich auch noch die Anzahl der Schülerinnen und Schüler pro Klasse verringern (z.B. halbieren). Und gleichzeitig würde man meinen Lohn um 2400 Franken pro Jahr erhöhen! Denn es wäre ja auch wirklich nötig, dann den Lohn zu erhöhen. Durch die geringere Arbeitslast hätte ich ja mehr Freizeit und müsste diese Freizeit auch sinnvoll mit Aktivitäten füllen. Und das kostet halt bisweilen auch etwas. Also bitte auch für Lehrer: Weniger Lektionen, weniger Schülerinnen und Schüler - mehr Lohn...!
Das Wallis kennt ja ein sehr seltsames System, seine anerkannten kirchlichen Gemeinschaften zu finanzieren. Die Pfarreien dürfen munter Defizite einfahren, diese müssen dann von der jeweiligen Gemeinde vollumfänglich übernommen werden. Es besteht also keinerlei Anreiz, dass die Pfarreien wirtschaftlich handeln würden. Es ist strategisch besser, wenn man Opfer und Spenden für Anliegen einzieht, die nicht direkt mit der Pfarrei zu tun haben. Denn würde man zu sehr darauf bestehen, dass die Kirchenmitglieder ihre Kirche auch selber unterstützen sollen, würde man ja das Defizit reduzieren. Und das wird ja «einfach so» bezahlt. Allzu doof ist man in den Pfarreien dann doch nicht.
Im Wallis gibt es also keine Kirchensteuer. Es wird auf der Steuerrechnung nicht ausgewiesen, wie viel des geschuldeten Betrages denn in Richtung Kirche abgegeben wird. Menschen, die keiner der anerkannten Kirchen angehören, müssen der Steuererklärung ein Rückforderungsgesuch um eine «ordentliche Reduktion» der Steuern (anteilig zu den Kultuskosten) beilegen. Das muss jedes Jahr aufs Neue geschehen. Diese Praxis hat das Walliser Kantonsgericht neulich aufrecht erhalten. Also jährlich ein Formular à la: «Liebe Wohngemeinde, ich bin immer noch nicht katholisch. Ich möchte diese Kirche immer noch nicht finanziell unterstützen.» Tönt wahnsinnig, ist aber so. Firmen dürfen nichts zurückfordern, obwohl sie natürlich keine Mitglieder irgendwelcher Kirchen sind.
Mit der Berechnungsformel des rückerstatteten Betrages liegt übrigens auch einiges im Argen. Zudem sind uns Beispiele bekannt, in denen offensichtlich nicht sauber zwischen Aufwendungen für die Allgemeinheit und Aufwendungen für die Kirche unterschieden wird. Das kann von Kleinigkeiten wie erlassene Garagenmiete für den Pfarrherren bis zu suspekten Abrechnungsarten bei Elektrizität und Heizung gehen. Und so eine Kirche heizt sich ja nun halt mal nicht so rasch und vergleichsweise günstig wie die lokale Beiz. Dieses System gilt im Wallis als legal (d.h. es ist durch Walliser Gesetze, Gerichtsentscheide, Verordnungen und Reglemente abgesichert); legitim, aufrichtig, transparent oder gerecht ist es sicherlich nicht.
Das Walliser System führt übrigens dazu, dass das Bistum Wallis über «keine» eigenen Mittel verfügt. Es kann sein Defizit also nicht einfach irgendwohin abwälzen. Letztes Jahr wurden in den lokalen Medien Anzeigen geschaltet, dass die Kirchenmitglieder doch bitte beim Bistumsopfer grosszügiger sein möchten. Es brauche mehr finanzielle Mittel, als üblicherweise über die Opfereinnahmen fürs Bistum eingenommen werden. Weniger Geld ausgeben, also genau so viel, wie die Dienste des Bistums den Spendern auch wert sind, scheint nicht in Frage zu kommen. Es sind aber trotz dieser Aufforderung wieder einmal viel zu wenig Gelder eingenommen worden.
Nun mag das auch damit zu tun haben, dass der aktuelle Bischof recht unbeliebt ist. Er schafft es immer wieder, in Fettnäpfchen zu treten und selbst ansonsten treue und aufrechte Katholiken zu vergraulen. Aber dass die Kirchgänger dem Bistum das Geld verweigern, ist kein Grund zur ernsthaften Sorge für die Kirchenfürsten in Sitten. Dann soll halt der Kanton einspringen! Brav überweist der Staatsrat seit einigen Jahren jeweils eine gute halbe Million Franken an das Bistum, als Geschenk! Die Botschaft scheint recht klar: «Liebe Kirchenmitglieder, spendet nicht allzu arg für eure Kirche, das ist nicht nötig! Die Allgemeinheit wird die Rechnung schon zahlen.» Das Wallis erhält ja viele Millionen aus dem nationalen Finanzausgleich, da gelangt das Geld bei der katholischen Kirche sicherlich in die richtigen Hände...
Letztes Jahr durfte sich Bischof Norbert sogar über einen Sonderzustupf in Form einer zusätzlichen knappen Drittelmillion freuen. Er erhielt also 824 000 Franken, statt der budgetierten 500 000. Da hüpfte ihm sicherlich das Herz.
(Valentin Abgottspon/news.ch)
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