Zuerst Freude, dann Skepsis
publiziert: Dienstag, 1. Mrz 2005 / 10:35 Uhr / aktualisiert: Mittwoch, 2. Mrz 2005 / 12:27 Uhr

Beirut - Alle hatten sich in Beirut auf tagelange Debatten im Parlament eingerichtet, als am Montagabend die Regierung zurücktrat. Sie überraschte damit genauso tausende Demonstranten wie auch den eigenen Präsidenten Emile Lahoud.

6 Meldungen im Zusammenhang
Viele im Libanon hatten den Montag als grossen Tag herbeigesehnt. Und dann das. Stundenlang reden die Abgeordneten im Parlament.

Die Opposition kündigte im Vorfeld der Parlamentssession ein Misstrauensvotum an. Doch abgestimmt wird, wollen alle 128 Abgeordneten reden.

Sie reden über den Mord an Hariri, die syrische Präsenz im Land und was Libanon brauche und nicht brauche. Viele Demonstranten wenden sich ab: "Das haben wir alles schon gehört."

Am späteren Montagnachmittag sind gerade mal 20 Abgeordnete ans Podium getreten. Und die Tausenden Demonstranten, die sich auf dem Märtyrerplatz in der Nähe des Parlamentes in Beirut versammelt haben, und das restliche Land vor den Fernsehgeräten rechnen mit keinem Resultat bis Ende Woche.

Überraschung

Auch ich bin am frühen Montagabend resigniert. Ich treffe mich mit Freunden in einer kleinen Bar in der Nähe des Märtyrerplatzes. Ein älterer Mann am Tisch nebenan, der mir nicht sagen will, wie er heisst, erklärt, der einzige Weg, um die Syrer los zu werden, sei ein Angriff Israels oder ein Coup d'état in Damaskus.

Um 18.45 Ortszeit treten zwei Libanesen in die Bar. Johnny Abedrabbe (er heisst wirklich so, ich habe seine Visitenkarte kontrolliert) und Nabih Naser. Sie prosten sich zu, klopfen sich auf die Schulter und sehen aus, als ob sie etwas Grosses geleistet haben. Sie sagen: "Die Regierung ist zurückgetreten." Ich kann es erst nicht recht glauben, auch die restlichen Bargäste sind verstört. Der alte Mann, der mir seinen Namen nicht sagte, ist schon gegangen. Seine Reaktion hätte ich gerne gesehen.

Skepsis

Die Reaktion in der Bar und auf den Strassen ist im ersten Moment Überraschung, dann Freude und dann Skepsis. "Was nun? Wer wird die Regierung bilden? Werden die Syrer jetzt tatsächlich gehen? Ist der Rücktritt vielleicht Teil eines grösseren Planes aus Damaskus?"

Die Demonstrantin Sara Chabein erinnert sich an das Ende des Krieges und das Scharren der Christen um den Ex-Generalen Aoun im Jahre 1989. "Damals glaubten auch alle, jetzt werde aus den Libanon ein unabhängiges Land, und daraus ist bis heute nichts geworden. Man darf diesen Rücktritt nicht überschätzen."

Die Opposition mit Walid Jumblatt sagt, dies sei erst der Anfang. Ihr Ziel ist der Sturz von Präsident Emile Lahoud. Der ermordete Rafik Hariri war als Premierminister im Herbst zurückgetreten, weil unter dem Einfluss von Syrien die libanesische Konstitution geändert wurde, um die Amtszeit von Emile Lahoud als Präsident zu verlängern.

Die Opposition weicht auch Dienstag nicht von ihrer Forderung ab, Syrien habe sofort mit ihren 14 000 Truppen und vielen Geheimdienstlern das Land zu verlassen.

Regierungsbildung

Der Präsident Lahoud hat bis jetzt nicht auf den Regierungsrücktritt reagiert. Er ist ebenso überrascht wie das ganze Land. Er wurde nicht gemäss Protokoll im Vorfeld des Rücktritts informiert.

Seine Aufgabe ist es nun, ein neues Kabinett einzurichten bis zu den Wahlen im kommenden Mai. Viele reden davon, dass Hariris Schwester, die Abgeordnete aus Süden des Landes aus der Stadt Sidon, nun interimistisch als Premierministerin figurieren soll.

Der Oppositionsführer Walid Jumblatt hat noch keine Anstalten auf den Posten gemacht, doch er hat in der Vergangenheit mehrfach auf den Stuhl geschielt. Und dann gibt es noch eine Reihe Ex-Generäle und Politiker, die seit dem Ende des Krieges in der Versenkung verschwunden sind. Einige könnten den Moment nutzen, um in die Bresche zu springen.

Trotz den vielen Fragezeichen, die hinter dem Regierungsrücktritt stehen. Was in Beirut derzeit passiert, ist einmalig. Christen und Muslime demonstrieren Seite an Seite. Vergessen sind seit dem Mord am Ex-Premierminister Hariri alle Religions- und Parteigrenzen.

Und der Rücktritt der Regierung wird den Protestierenden und dem wachsen Patriotismus noch mehr Auftrieb geben. Viele begreifen erst jetzt, was ihr friedlicher Protest wirklich bewirkt.

(von Barnaby Skinner/news.ch)

Lesen Sie hier mehr zum Thema
Beirut - Bei der dritten und wichtigsten Runde der Parlamentswahl im Libanon hat sich ... mehr lesen
Die Wahlbeteiligung lag bei über 50 Prozent.
Die erste Wahlrunde vor einer Woche hatte die syrienkritische Opposition klar gewonnen.
Beirut - Mit der Öffnung der ... mehr lesen
Beirut - Bei der Parlamentswahl in Libanon hat sich bei der ersten Teilabstimmung in der Hauptstadt Beirut offenbar wie ... mehr lesen
Saad Hariris Liste trat in Beirut ohne Gegenkandidaten an.
Der Tatort des Anschlags wird immer noch abgesperrt und bewacht.
Bern/Beirut - Die UNO hat die ... mehr lesen
London - Die USA verfügen nach ... mehr lesen
US-Aussenministerin Condoleezza Rice meint Beweise für syrische Terroraktivitäten zu haben.
Weitere Artikel im Zusammenhang
Baschar el Assad gibt anscheinend dem Druck nach.
Damaskus - Der syrische Präsident ... mehr lesen
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
Der erste Wahlgang soll annuliert werden.
Der erste Wahlgang soll annuliert werden.
Untersuchungskommission empfiehlt Neuwahlen  Port-au-Prince - Angesichts Haitis anhaltender Wahlkrise hat eine unabhängige Untersuchungskommission Neuwahlen für das Präsidentenamt empfohlen. Der Leiter der Kommission, François Benoit, riet am Montag zur Annullierung des ersten Wahlgangs der Präsidentenwahl. mehr lesen 
Befürworter holen auf  London - Die Gegner eines Verbleibs ... mehr lesen
Noch 51 Prozent befürworten einen Verbleib in der EU.
US-Wahlen  Washington - Der US-Republikaner Marco Rubio will nicht als Vize-Präsidentschaftskandidat unter Donald Trump antreten. «Ich wäre nicht die richtige Wahl für ihn», sagte Rubio dem Fernsehsender CNN am Sonntag. mehr lesen  
Mit 55,8 Prozent der Stimmen  Orlando - Im US-Wahlkampf hat die libertäre Partei den ehemaligen Gouverneur Gary Johnson zu ihrem Kandidaten für die Präsidentschaftswahl gekürt. Der 63-Jährige erhielt beim Parteitag am Sonntag im zweiten Wahlgang 55,8 Prozent der Stimmen. mehr lesen  
Titel Forum Teaser
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    belustigend peinlich Das kommt schon fast in die Nähe der Verwechslung von Oekonomie mit ... Mi, 28.12.16 01:21
  • Unwichtiger aus Zürich 11
    Grammatik? Wie kann Stoltenberg denn Heute schon wissen, welche Entscheidungen am ... Sa, 22.10.16 10:59
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Der phallophile Blick eines cerebrophoben Schäfleins! Frau Stämpfli schrieb am Ende ... Mo, 26.09.16 17:32
  • keinschaf aus Wladiwostok 2826
    phallophobe Geschichtsrückblicke "Und die grösste Denkerin des 21. Jahrhunderts? Verdient ihr Geld mit ... Sa, 13.08.16 17:48
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Alle Demonstranten gefilmt. Der Erdogan lässt doch keine Domo gegen sich zu! Die ... Di, 21.06.16 16:42
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Konzernrecht? Konzernpfusch! Was ist denn das? Konzerne werden vorwiegend von Vollidioten geführt. ... Fr, 10.06.16 17:49
  • Kassandra aus Frauenfeld 1781
    Das wird die Deutschen aber traurig machen. Wenn man keinen Flughafen und keinen Bahnhof ... Mi, 08.06.16 17:49
  • zombie1969 aus Frauenfeld 3945
    Der... Daesh (IS) kommt immer mehr unter Druck. Davon sind inzwischen auch ... Do, 02.06.16 19:22
Jonathan Mann moderiert auf CNN International immer samstags, um 20.00 Uhr, die US- Politsendung Political Mann.
CNN-News Was würde «Präsident Trump» tatsächlich bedeuten? Noch ist absolut nichts sicher, doch es ...
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Do Fr
Zürich 11°C 19°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Basel 8°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
St. Gallen 9°C 16°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Bern 7°C 19°C Schneeregenschauerleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig freundlich
Luzern 11°C 18°C wechselnd bewölktleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig recht sonnig recht sonnig
Genf 9°C 20°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig recht sonnig
Lugano 12°C 23°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig sonnig gewitterhaft
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten