Der Code der Freiheit
publiziert: Donnerstag, 21. Jan 2016 / 08:20 Uhr / aktualisiert: Montag, 25. Jan 2016 / 10:02 Uhr
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.»
Sexuelle Belästigung: «Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.»

Die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten geben einer besonderen Sorte von Zeitgenossinnen und -genossen Auftrieb: Frauenbeschützern, die einheimische Frauen bedroht sehen von einfallenden Horden junger Männer und deshalb nach paternalistischen Massnahmen rufen.

5 Meldungen im Zusammenhang
Sie verlangen, dass Grenzen geschlossen, oder öffentliche Anlässe abgesagt, oder Soldaten zum Schutz der Frauen aufgeboten oder gar spezielle Frauenzonen im öffentlichen Verkehr geschaffen werden. Schnell sind sie bereit, kulturelle Errungenschaften der Freiheit aufzugeben im Namen der Sicherheit. Dabei gibt es zugegeben leider auch Frauen, die gerne beschützt werden wollen.

Wie schnell man und frau bereit ist, die Freiheit der Frauen auf bestimmte Räume zu beschränken, zeigt, welche Sicht auf die Frau hierzulande dominiert: Die Frau als potenzielles Opfer und als Schutzobjekt. Das sind die beiden Seiten der gleichen patriarchalen Medaille - aber die meisten Frauen wollen hoffentlich nicht beschützt, sondern einfach respektiert werden.

Mir scheint, dass die oft gehörte Unterscheidung von «Schlampen» und «Ladies» hierzulande zeitlich mit der Flüchtlingswelle aus dem Balkan während des Jugoslawienkriegs zusammenfällt. Zuvor war eine «Schlampe» meines Wissens eine unordentliche Frau oder Hausfrau. Erschreckend ist, wie schnell die eindeutig sexuelle Konnotation auch von der hiesigen männlichen und weiblichen Jugend aufgenommen wurde. Das weist auf die Reste der Machokultur in unseren Breitengraden hin: Frauen werden auch hier aufgrund ihres Äusseren auf ihre Respektierbarkeit und sexuelle Verfügbarkeit hin beurteilt - nicht nur von Männern sondern auch von Frauen.

Wir müssen davon ausgehen, dass dies Teil unserer menschlichen Natur ist. Die biologische Fortpflanzung basiert darauf, dass der Mann möglichst viele Frauen anmacht und ins Bett zu kriegen versucht. Unter patriarchalen Verhältnissen hat er als versorgender Mann und beschützender Vater zudem ein Interesse daran, keine fremde Brut aufzuziehen und wird deshalb versuchen, «seine» Frau durch äusserliche Merkmale als seinen Besitz zu markieren und ihren Aktionsradius einzuschränken. Frauen sollten sich deshalb niemals der Illusion hingeben, gleichzeitig beschützt und frei zu sein.

Frauen und Männer: Verteidigen wir unsere Freiheit und unsere Rechte. Verstehen wir, dass die Biologie sich nicht um Gleichberechtigung schert. Und verstehen wir, was Kultur in unseren Köpfen an Geschlechterverhältnissen produziert. Und durchschauen wir, was die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche mit uns und unserer Sexualität anrichtet. Und sehen wir realistisch, dass unsere Freiheit eine fragile Kulturschicht produziert hat, die sich angesichts von Globalisierung, Migration und religiös begründetem Sexismus/Rassismus noch bewähren muss. Und ... und ... und ...

Kein Grund für Schockstarre also, kein Anlass für Aktivismus - lernen wir aus den Erfahrungen von Köln und überall, schauen wir genau hin, benennen wir die Missstände und ihre kulturellen Wurzeln, stehen wir ein für diese noch junge Kultur der Freiheit, der Gleichberechtigung und der Achtung der Integrität jedes Menschen, ob schwarz oder weiss, jung oder alt, ob mehr weiblich oder mehr männlich.

Die Codes einer freiheitlichen Gesellschaft wachsen nicht natürlich, sondern müssen bewusst tradiert und in jeder Generation wieder neu ins Gedächtnis gerufen und formuliert werden. Einer dieser Codes und gleichzeitig aktuelle Botschaft an Migranten und Einheimische lautet: Kein Mensch wird ungefragt angefasst und ein «Nein» zu einer erotischen Avance bedeutet schlicht und einfach «Nein» - im günstigsten Fall allenfalls «noch nicht» - und ist zu respektieren.

(Reta Caspar/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Der Umgang mit Opfern sexueller Gewalt verläuft laut Fachleuten nicht optimal. Manche Opfer werden durch Verfahren erneut ... mehr lesen
Viele Missbrauchsopfer zeigen den Täter nach wie vor nicht an. (Symbolbild)
Amnesty befragte nach eigenen Angaben 40 weibliche Flüchtlinge. (Symbolbild)
London - Auf ihrer Flucht aus Syrien ... mehr lesen
Mainz - Nach den Übergriffen an Silvester in Köln verschärft die deutsche Regierungspartei CDU massiv die Gangart gegen kriminelle Asylbewerber. Selbst bei Bewährungsstrafen soll künftig der Schutzstatus in Deutschland verweigert werden können. mehr lesen  1
Zürich - Nach Medienberichten aus Deutschland über Diebstähle und sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht, haben ... mehr lesen
Mehrere betroffene Frauen meldeten sich bei der Stadtpolizei Zürich. (Archivbild)
Es sei so einfach, wie Tee zu machen.
Kidlington - Die aktuelle Kampagne der britischen Thames Valley Police klärt mithilfe ... mehr lesen
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst und anderer diese Tradition aufgeben?
Händeschütteln: Zum Schutz von sich selbst ...
Kein Zusammenprall der Zivilisationen sondern der Fundamentalisten ist es, wenn ein von Pubertierenden verweigerter Handshake hierzulande zur Staatsaffäre wird. mehr lesen 
Handschlag-Dispens für Sommaruga inakzeptabel Liestal/Therwil BL - Die Praxis an einer Baselbieter Schule, muslimische ... 1
Muslimische Schüler dürfen weiblichen Lehrpersonen Handschlag verweigern Dies ist nur eine von zahlreichen lesenswerten ...
Secondos haben vor ein paar Jahren vorgeschlagen, die Schweizerfahne durch die Tricolore der Helvetischen Republik zu ersetzen. Das ging selbst fortschrittlichen Politikerinnen zu weit. Warum? Symbole haben sich in der Geschichte immer wieder verändert - weil sich die Lebensrealität verändert hat. mehr lesen  
Die Politologin Gina Gustavsson von der Universität Uppsala hat die Argumentationen im Karikaturenstreit analysiert. Sie stellt fest, dass in dieser Debatte den religionskritischen Äusserungen vorschnell ein aufklärerischer ... mehr lesen
Jyllands Posten Kulturchef Flemming Rose: Nicht Vertreter des aufklärerischerischen sondern des romantischen Liberalismus
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat zugenommen.
Shopping 62 Franken pro Kopf für fair gehandelte Produkte Zürich - Schweizerinnen und Schweizer haben 2015 für 520 Millionen Franken fair gehandelte Produkte mit dem Label Max Havelaar eingekauft. Den ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Mao-Büsten aus der Zeit der Kulturrevolution: «Sonne des Ostens» und Halbgott.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Wettbewerb
   
Die Alp Grosser Mittelberg im Justistal.
Viel Glück  Die Alpsaison steht vor der Tür. Damit Wanderfreunde den Weg zu den schönsten Alpbeizli finden, haben wir ein Gewinnspiel parat.
Mitmachen und gewinnen.  Rechtzeitig zur Premiere von «The First Avenger: Civil War» verlosen wir zwei Fan-Pakete mit jeweils zwei Kinoeintritten.
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Sa So
Zürich 13°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewitterhaft
Basel 13°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig gewitterhaft Gewitter möglich
St. Gallen 14°C 23°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter vereinzelte Gewitter
Bern 13°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter Gewitter möglich
Luzern 14°C 25°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen gewitterhaft
Genf 12°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter Gewitter möglich
Lugano 16°C 24°C recht sonnigleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Wolkenfelder, kaum Regen Gewitter möglich
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten