Inquisition gegen Seismologen
publiziert: Freitag, 26. Okt 2012 / 11:08 Uhr / aktualisiert: Freitag, 26. Okt 2012 / 19:07 Uhr
Nach dem Erdbeben in L'Aquila: Missachtete Bauvorschriften forderten viele Todesopfer.
Nach dem Erdbeben in L'Aquila: Missachtete Bauvorschriften forderten viele Todesopfer.

Richter sind in gewisser Weise die letzte Instanz der angewandten Realität. Sie bestimmen mit ihren Urteilen mitunter, was als Ursache zu betrachten ist, was jemand hätte wissen sollen und sagen sollen. Wenn Sie dabei mit der Wissenschaft kollidieren kann aus der Realität Surrealität werden. Wie nun gerade in Italien.

5 Meldungen im Zusammenhang
Wir alle wollen Sicherheit. Und von Experten verlangen wir Ratschläge, auf die wir uns Verlassen können. Oder Prognosen, die so eintreffen. Nun ist es auf der wirklichen Welt, jener, die aus einem am äusseren Rand rotierenden, glühenden ca. 3500 km Radius umfassenden Eisen-Nickelkern, einem aus verschiedenen Mineralien bestehenden festen, aber wegen der Druckverhältnisse fliessfähigen Erdmantel von ca. 2800 km dicke und der Erdkruste, die wie ein knuspriges, dünnes Häutchen von ca. 40 km dicke auf dem Glühenden Chaos darunter aufschwimmt, besteht, für uns kleine Menschen unmöglich, die genauen Vorgänge im Inneren des Planeten und deren Auswirkung auf unseren Lebensraum wirklich zu prophezeien.

Dafür sind die Abläufe, die Wechselwirkungen und die Dynamiken des inneren unseres Planeten einfach zu komplex und zu unsichtbar und zu schwer zu interpretieren. So auch in L'Aquila, wo 2009 309 Menschen bei einem Erdbeben umkamen, das von den zuständigen Seismologen und Zivilschützern nicht vorher gesagt wurde.

Stattdessen hatten sie nach einer Serie von leichten Schwarmbeben gesagt, es deute eigentlich nichts auf ein grosses Erdbeben hin. Und das war auch so, denn nur in einem Prozent der Fälle folgen auf solche leichte Beben grosse Erdstösse. Zudem lässt sich der Zeitpunkt nicht voraussagen. Es können 2 Tage, es können 14 Tage sein. Eine Evakuation einer ganzen Region auf Grund solcher Wahrscheinlichkeiten und Zahlen ist unmöglich und wäre unverantwortlich. Spätestens nach der dritten Warnung ohne Beben danach würde kein Schwein mehr einen Pfifferling auf die Meldungen geben. Und wie lange würden die Menschen in den Zelten ausharren? Die ganze Woche, die es damals dauerte, bis das Beben kam? Aber sicher.

Trotzdem hat ein Richter sechs Seismologen und einen Zivilschützer wegen Totschlags zu je sechs Jahren Haft verurteilt. Er verurteilte Menschen, weil sie offenbar das Unmögliche nicht konnten. Die wahren Schuldigen an vielen der Toten liess er unerwähnt. Hier wurde nicht Recht gesprochen sondern gebrochen und verhöhnt. Toller Job, Richter Billi! Sie hätten auch bei der Inquisition geglänzt.

Denn er hat nichts anderes gemacht, als dem begreiflichen, aber unbegründeten Volkszorn nachgegeben. Verbrennt die Hexe, verjagt die Juden! Verurteilt die Wissenschaftler!

Ja, Menschen starben auf tragische Weise. Sie starben, weil bei einem Beben mit der Stärke 6.3 in einem als stark erdbebengefährdet eingestuften Gebiet Häuser einstürzten. Häuser, die von Bauherren unter Missachtung der Bauvorschriften nicht Erdbebensicher gebaut wurden oder die nicht nachträglich mit Sicherheitsmassnahmen nachgerüstet wurden. Sie starben unter Trümmern, die nicht hätten fallen müssen, wären die Gebäude ihrem Standort entsprechend errichtet worden und nicht deren Sicherheit tiefen Kosten und höherem Gewinn geopfert worden wären, derweil die Baubehörden offenbar beide Augen zudrückten, während sie die Hände vermutlich aufhielten.

Gerade öffentliche Gebäude, wie das total zerstörte Spital von L'Aquila, wurden hin gepfuscht, ja es habe nicht mal eine Betriebsgenemigung gehabt. Zudem seien 80% der Schulen der Region schwer beschädigt oder zerstört worden. Dies passierte nicht, wenn den Vorschriften für erdbebensicheren Bau Folge geleistet worden wäre. So wundert es denn auch nicht wirklich, dass gerade viele neue Gebäude einstürzten.

Sind daran etwa die Seismologen schuld? Oder nicht viel mehr die Bauunternehmer, die Baubehörden, die Justiz? Am Ende also Staatsanwalt und Richter, die mit diesem Prozess nicht zuletzt von ihrer eigenen Untätigkeit und Schuld ablenken? Schande, Schande, Schande!

Es ist beunruhigend, dass in einer aufgeklärten Demokratie ein Urteil gefällt wird, wie man es eher in einer Diktatur erwarten würde, die einen Sündenbock für ihre Versäumnisse braucht. So wie in China, nach einem Erdbeben jene verfolgt wurden, welche die Mängel bei den Bauwerken aufzeigten und nicht jene, die sie gebaut hatten. Aber vielleicht ist dies ja ein Hinweis darauf, in welche politischen Regionen Italien unterdessen abgedriftet ist.

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Rom - Ein tödliches Erdbeben in Italien könnte einem neuen Bericht zufolge durch Ölbohrungen ausgelöst worden sein. Die ... mehr lesen
Die Beben fielen mit einer verstärkten Aktivität in dem Ölfeld zusammen.
Umstrittene Urteile nach dem Erdbeben. (Symbolbild)
L'Aquila - Mehrere Jahre Haft: Knapp vier Jahre nach dem Erdbeben von L'Aquila hat ein Gericht im Abruzzen-Ort am Samstag vier ... mehr lesen
L'Aquila - Dreieinhalb Jahre nach dem schweren Beben in den Abruzzen sind sieben Experten wegen ungenügender Warnung vor ... mehr lesen
Bei dem Erdbeben in den Abruzzen waren 309 Menschen ums Leben gekommen.
Bei dem Beben mit der Stärke 6,3 auf der Richterskala verloren am 6. April vergangenen Jahres 120'000 Bewohner von L'Aquila und den umliegenden Dörfern ihr Dach über dem Kopf. (Archivbild)
L'Aquila - Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben hat die italienische Stadt L'Aquila der Opfer der Naturkatastrophe ... mehr lesen
Rom - Beim verheerende Erdbeben in Mittelitalien sind mindestens 150 Menschen ums Leben gekommen. Rund 1500 ... mehr lesen
Viele Menschen werden noch vermisst.
Konzeptwagen VW Golf R400: Im Stau mit 400 PS.
Konzeptwagen VW Golf R400: Im Stau mit 400 PS.
Wer sich mit offenen Augen auf den Schweizer Strassen bewegt stellt zweierlei fest: Der Verkehr wird immer langsamer und stockender, während die Autos im Stau immer stärker und potentiell schneller werden. Die sogenannten «Kompakten» sind dafür das schlagendste Beispiel. mehr lesen 
VW Golf: 1974 hatte er Premiere, als Golf I.
Der VW Golf wird heute 40 Wolfsburg - Er drückte einer ganzen Modellklasse seinen Stempel auf, ist aber selber irgendwie klassenlos: Der VW Golf, das beliebteste Auto der ...
Die Krim- ja unterdessen Ukraine-Krise wird langsam zur grössten Herausforderung, mit der sich EU und Europa je konfrontiert sahen und sehen. Der Grund dafür liegt weniger in militärischen als in ökonomischen Gründen und das Wort «Gas» ist in aller Munde. mehr lesen   1
Kiew meldet 3 Tote bei Angriff auf Soldaten Genf - Bei einem Angriff auf ukrainische Soldaten im Südosten des Landes sind nach Angaben des ... 2
Die Lage in der Ukraine spitzt sich weiterhin zu. (Symbolbild)
Rundschau-Journalist Sandro Brotz: Verteidigte die Ehre von SRF.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
Konzeptwagen VW Golf R400: Im Stau mit 400 PS.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Der im Bau befindliche Aquädukt: Wird mehr Nachfrage schaffen, anstatt die Verschwendung zu verhindern.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Doris Leuthard: «Christliche» Bundesrätin, die kein Problem hat, wenn mehr als 20% ihrer Bevölkerung zu Terroristen erklärt werden... Hauptsache das Geld stimmt.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
Stellenmarkt.ch
Wirtschaft Marken
   Marke    Datum
16.04.2014
15.04.2014
B BERYL DJ Logo
15.04.2014
14.04.2014
14.04.2014
    Information zum Feld
Bitte geben Sie hier einen Markennamen ein wie z.B. 'Nespresso'
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
Seite3.ch
Der Remoteserver hat einen Fehler zurückgegeben: (500) Interner Serverfehler.
wetter.ch
MI DO FR SA SO MO
Zürich 8°C 14°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, wenig Regen
Basel 6°C 14°C leicht bewölkt, Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen leicht bewölkt, Gewitter, wenig Regen
St.Gallen 9°C 16°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Bern 9°C 19°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Luzern 8°C 19°C leicht bewölkt, wenig Regen leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
Genf 9°C 19°C leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt leicht bewölkt
Lugano 10°C 22°C leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig leicht bewölkt, ueberwiegend sonnig
mehr Wetter von über 6000 Orten