Kreditkartenterminal ersetzt Herz
publiziert: Dienstag, 5. Mai 2015 / 15:23 Uhr
E-Commerce ist ein wichtiger Weg in die Schuldenfalle.
E-Commerce ist ein wichtiger Weg in die Schuldenfalle.

Die Jugend ist für Journalisten und Politiker ein nicht versiegen wollender Quell der Empörung. Titelte am dritten Mai der Sonntagsblick noch auf den Aushängen: «Protzen, Prahlen - Pleite gehen» konnte am Montag im St. Galler Tagblatt von saufenden und schlägernden Teenies gelesen werden.

11 Meldungen im Zusammenhang
Die Statistiken geben den Schlagzeilen teilweise recht. Immer mehr junge Erwachsen verschulden sich hoffnungslos im Konsumwahn, während bei der Gewalt hingegen der Trend seit 2009 eher nach unten zeigt und vor allem das Gefühl einer Bedrohung permanent vorhanden ist und - verkaufs- und klickträchtig für Massenmedien - kultiviert wird.

Doch die sogenannte Schuldenfalle ist tatsächlich und zweifellos ein Problem. Vor allem durch E-Commerce sammeln sich da offenbar grosse Summen an, mit denen sich diese Leute, die eben in das eigenständige Leben gestartet sind, ihr finanzielles Grab mit langfristigen Folgen schaufeln. Jährlich ein neues Handy, eine schicke Einrichtung für die neue Wohnung, eine Heimkino-Anlage und natürlich zweimal pro Jahr nach Südostasien in die Ferien, sind einige der Dinge, die einfach dazu gehören, wenn man dazu gehören will.

Dabei scheint es egal, ob man sich das leisten kann. Abzahlungsangebote (sehr viele Handy-Abos sind ja nichts als getarnte und teure Abzahlungsverträge auf das neue iPhone/Galaxy etc.), teilweise mit aufgeschobener erster Rate, laufende Kosten, die unterschätzt werden und ein von allen Seiten betriebener «haste Das, biste was»-Terror, sind Bestandteil dieser Treibjagd in das Schuldenloch.

Natürlich muss - wenn es in den Medien um diese Leute geht - betont werden, dass es offensichtlich sei, dass es diesen an der Fähigkeit zu rechnen fehle, dass ihnen im Kindergarten und in der Schule nicht genügend gut beigebracht worden sei, wie man mit Geld umgehe, was Zins und Zinseszins bedeutet und dass sie offenbar eh blöd und verblendet seien und nur mehr dem Konsum, aber nicht dem Leistungsideal unserer Gesellschaft nachlebten.

Wobei man durchaus fragen darf: welches Leistungsideal denn da gemeint ist, und wer das denn noch vorlebt. Dass es noch von vielen gelebt wird, daran besteht kein Zweifel. Unzählige Klein- und Mittelbetriebe und noch viel mehr Arbeitnehmer sehen sich jeden Tag mit grösseren Forderungen nach «Performance» konfrontiert. Arbeitszeiten sind für KMU-Eigentümer ohnehin eine nette Illusion und auch viele Arbeitnehmer sehen sich derzeit mit Arbeitszeiten konfrontiert, wie sie zuletzt in den 1970er-Jahren üblich waren.

Doch trotz dieser Anstrengungen sind weder die Kleinunternehmer noch die Angestellten derzeit die Gewinner, auch wenn sie das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Kapitalgesellschaften und multinationale Konzerne sind damit beschäftigt, Gewinne zu scheffeln und an ihre Kapitaleigner zu verteilen, während sie gleichzeitig alles machen, um die Angestellten so gut wie möglich auszubeuten. Das meiste Geld wird heute ohne Arbeit verdient und dieser Reichtum wird in den Society-Medien dann auch ausreichend zelebriert.

Das Haben hat in den Köpfen vieler das Machen als eigentliches Sein abgelöst. Jene die haben, sind zu Ikonen geworden. In der Wirtschaft gibt es nur noch gelegentlich echte Macher, die eine Firma aufbauen. Stattdessen werden die Schlagzeilen von CEO's dominiert, welche jedes Jahr Millionen vor allem dafür bekommen, Gewinne ohne Skrupel auf Verluste zu erhöhen und Kosten zu «optimieren». Wenn irgendwo 5000 Arbeitsplätze gekappt werden, kann man darauf wetten, dass die Aktienkurse und damit auch die Erfolgsprämien nach oben schiessen.

Mit der Finanzkrise ist die Reputation dieser Superstars des grossen Geldes zwar ein wenig angekratzt worden, aber die Werte, die sie vertreten, haben Bestand: Wer nichts hat, ist nichts. Punkt. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit des Arbeitens, um etwas zu bekommen, wird der Einsatz von Zeit und Mühe, um ein Ziel zu erreichen, stark in Zweifel gestellt. Wünsche sollen sofort befriedigt werden und die ungebremste Konsummaschine verkündet dies denn auch an jeder Ecke. Dies auch aus der schlichten Notwendigkeit heraus, jedes Jahr noch mehr zu verkaufen - völlig egal, ob beim Konsumenten wirklich ein Bedarf nach neuen Waren besteht, oder nicht.

Private Verschuldung war schon immer ein Thema. Doch unterdessen hat sie sich zu einem Pfeiler der modernen Konsumgesellschaft verwandelt, welche dieses immer wackligere Fahrrad des ewigen Wachstums noch vorwärts fahren lässt.

Die Reize und Motivationen zum Konsum ohne Hemmungen werden immer stärker, die Methoden, sich diesem scheinbar ohne Konsequenzen hingeben zu können, immer vielfältiger, die soziale Rolle von Prestigeobjekten in breiten Kreisen immer wichtiger. Die Fähigkeit von Menschen ihre Impulse zu kontrollieren hingegen ist gleich geblieben. Natürlich reflektiert die Verschuldung von jungen Erwachsenen zu einem einen Mangel an Urteilskraft. Doch sie ist ebenso die logische Folge eines Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, das in seinem Zentrum nicht mehr Solidarität, soziale Verantwortung und ähnliche olle Kamellen, sondern den Konsum um alle Kosten hat, dessen Herz durch einen Kreditkartenterminal ersetzt worden ist.

Doch dies ist keine Schlagzeilen wert. Denn... man könnte damit ja glatt Anzeigenkunden verärgern, gell, lieber Sonntagsblick?

(Patrik Etschmayer/news.ch)

?
Facebook
SMS
SMS
0
Forum
Kommentieren Sie jetzt diese news.ch - Meldung.
Lesen Sie hier mehr zum Thema
Bern - Kinder und Jugendliche sollten Umgang mit Geld und Konsum frühzeitig ... mehr lesen
Kinder sind leicht zu beeinflussen, deshalb sollen sie schon früh lernen worauf sie achten sollten.
Zürich - Junge Erwachsene sind ... mehr lesen
Junge Erwachsene werden ihre Schulden kaum mehr los.
18- bis 25-Jährige sind oft vor Schulden gefährdet.
Bern - Junge Leute verschulden sich deutlich häufiger als Personen über 25 Jahren. Für Handy und Internet oder im Online-Versandhandel machen sie rund doppelt so oft Schulden wie die ... mehr lesen
Weitere Artikel im Zusammenhang
Das Abstimmungsergebnis fiel äusserst knapp aus.
Bern - Der Nationalrat will das ... mehr lesen
Zürich - Drei Viertel aller Schuldner ... mehr lesen
Der Schweizer bezahle zuerst den Mietzins, seine Krankenkassen- und Arztrechnungen.
Basel - Geld und Schulden sollen keine Tabuthemen mehr sein: Die landesweite Kampagne MAX.MONEY will Jugendliche mit gezielter Information vor der Schuldenfalle bewahren. Sie ist mit Strassenaktionen in grossen Städten gestartet worden. mehr lesen 
Zürich - Weil immer mehr Jugendliche in der Schweiz in die Schuldenfalle geraten, häufen sich die Rufe nach Prävention. Erste nationale Kampagnen laufen jedoch langsam an. mehr lesen 
Baden-Württemberg - Im Jahr 2002 ... mehr lesen
Wer einmal vom Schuldenstrudel erfasst worden ist, findet nur schwer wieder raus.
.
Digitaler Strukturwandel  Nach über 16 Jahren hat sich news.ch entschlossen, den Titel in seiner jetzigen Form einzustellen. Damit endet eine Ära medialer Pionierarbeit. mehr lesen 21
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
«Hier hätte ich noch eine ...
In den USA ist bei einer Frau mit Harnwegsinfektion zum ersten mal ein Bakterium aufgetaucht, das gegen das letzte Reserve-Antibiotikum resistent ist. Wer Angst vor ISIS hat, sollte sich überlegen, ob er seinen Paranoia-Focus nicht neu einstellen will. Denn das hier ist jenseits aller im Alltag sonst verklickerten Gefahren anzusiedeln. mehr lesen 4
Durch ungeschickte Avancen von SBB- und Post-Chefs, droht die Service-Public-Initiative tatsächlich angenommen zu werden. Von bürgerlicher Seite her solle ... mehr lesen  
Künftig mindestens 500'000.-- und die ganze Schweiz inklusive: SwissPass, der schon bald mal GACH heissen könnte.
Urversion von IBM's Supercomputer WATSON: Basis für 'ROSS'... und unsere zukünftigen Regierungen?
Eine renommierte US-Kanzlei stellt einen neuen Anwalt Namens Ross ein. Die Aufgabe: Teil des Insolvenz-Teams zu sein und sich durch Millionen Seiten Unternehmensrecht kämpfen. Und nein, ROSS ist kein armes Schwein, sondern ein ... mehr lesen  
In letzter Zeit wurden aus Terrorangst zwei Flüge in den USA aufgehalten. Dies, weil Passagiere sich vor Mitreisenden wegen deren 'verdächtigen' Verhaltens bedroht fühlten. ... mehr lesen  
Sicherheitskontrolle in US-Airport: 95% Versagen, 100% nervig.
Typisch Schweiz Der Bernina Express Natürlich gibt es schnellere Bahnverbindungen in den Süden, aber wohl ...
saleduck.ch, Logo
Shopping «Wär hetts erfunde?» Zwei Jahre nach der Gründung erhält Saleduck.ch eine neue Plattform und wird zu einer Deal Community. Neben einem neuen Layout bieten sich auch für Netzwerke und Advertiser viele ...
Erstaunliche Pfingstrose.
Jürg Zentner gegen den Rest der Welt.
Jürg Zentner
Frauenrechtlerin Ada Wright in London, 1910: Alles könnte anders sein, aber nichts ändert sich.
Regula Stämpfli seziert jeden Mittwoch das politische und gesell- schaftliche Geschehen.
Regula Stämpfli
«Hier hätte ich noch eine Resistenz - gern geschehen!» Schematische Darstellung, wie ein Bakerium einen Plasmidring weiter gibt.
Patrik Etschmayers exklusive Kolumne mit bissiger Note.
Patrik Etschmayers
Obama in Hanoi mit der Präsidentin der Nationalversammlung, Nguyen Thi Kim Ngan auf einer Besichtigungstour: Willkommenes Gegengewicht zu China.
Peter Achten zu aktuellen Geschehnissen in China und Ostasien.
Peter Achten
Recep Tayyp Erdogan: Liefert Anstoss, Strafgesetzbücher zu entschlacken.
Skeptischer Blick auf organisierte und nicht organisierte Mythen.
Freidenker
 
Stellenmarkt.ch
Kreditrechner
Wunschkredit in CHF
wetter.ch
Heute Di Mi
Zürich 13°C 30°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewittrige Regengüsse
Basel 15°C 30°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewittrige Regengüsse
St. Gallen 16°C 26°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter Gewitter mit Hagelrisiko
Bern 13°C 29°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewittrige Regengüsse
Luzern 15°C 29°C vereinzelte Gewitterleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewittrige Regengüsse
Genf 15°C 28°C Wolkenfelder, kaum Regenleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig vereinzelte Gewitter gewittrige Regengüsse
Lugano 20°C 28°C gewitterhaftleicht bewölkt, ueberwiegend sonnig Gewitter mit Hagelrisiko unwetterartige Gewitter
mehr Wetter von über 8 Millionen Orten